Herbstprogramm 2012

 


Georg Lukács‘ „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“

Vortrag und Diskussion mit Martin und Florian (Frankfurt am Main)

Datum: Freitag 09.11.2012

Beginn: 20 Uhr

Ort: Kellerperle, Am Studentenhaus 1, 97072 Würzburg

Eintritt frei!
„Proletarische Revolutionen […] kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht […].“  Marx

Der kürzlich gestorbene Adorno-Schüler Alfred Schmidt äußerte einmal, er habe den Eindruck, Marx sei in seiner Ökonomie am philosophischsten. Die „Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ von Lukács, in die wir eine Einführung versuchen wollen, ist der umfangreichste und aus unserer Sicht überragende Versuch, die verbreitete Trennung des marxschen Denkens in eine Wissenschaft von der Ökonomie und eine davon unabhängige (Geschichts-)Philosophie zu bekämpfen und die Einheitlichkeit der marxschen Anstrengung zur Durchdringung des gesellschaftlichen Seins und die Einheitlichkeit dieses Seins selbst zu begründen. Lukács unternimmt in seiner „Kritischen Ontologie“ (Lukács) nicht weniger als den Versuch, die Vielzahl ungelöster Knoten und loser Enden des marxschen Gesamtwerks und seiner über 100-jährigen Rezeptionsgeschichte zu lösen und zu verbinden: Idealismus und Materialismus, Ideologie und Ökonomie, Natur und Gesellschaft, Individuum und Gattung, Religion und Wissenschaft, Philosophie und Alltag, Arbeit und Widerspiegelung, Teleologie und Kausalität, Freiheit und Notwendigkeit, Geschichte und Entfremdung, um nur einige zentrale Kategorien zu nennen. Als „Kategorienlehre neuen Typs“, wie Lukács sagt, unterscheidet sich seine Ontologie von anderen Ontologien dadurch, dass sie das Denken strikt auf das Sein basiert und alles Sein als gegenständlich und zugleich geschichtlich auffasst.

Der Versuch Lukács‘, Marx‘ Ontologie ins 20. Jahrhundert zu retten und zu aktualisieren, entsprang seiner Diagnose, dass alle vorherrschenden philosophischen Richtungen der Gegenwart entweder das Sein überhaupt leugneten, dessen Geschichtlichkeit abstritten oder eine falsche Identität bzw. Gegensätzlichkeit von Natur und Gesellschaft konstruierten. Das Subjekt wurde schließlich auf das partikulare bürgerliche Individuum festgelegt. Die philosophische Hauptströmung des 20. Jahrhunderts mit den sich ergänzenden Polen (Neo-)Positivismus und Existentialismus, bestimmten zusammen mit den seinsmäßigen Entwicklungen der kapitalistischen Produktionsweise zunehmend nicht nur das Alltagsleben- und Bewusstsein, sondern auch die Wissenschaften, die Kunst und die Politik. Das Ergebnis dieses Zusammenwirkens sei das Entstehen einer universellen Manipulation, welche nur durch eine kritische Ontologie, die das gesellschaftliche Sein in den Mittelpunkt stellt, durchbrochen werden und die alleinige ideologische Basis  einer jeden wirklichen Bewegung, welche den gegenwärtigen Zustand aufhebt, sein könne. Neben den zahlreichen wirklichen Schwierigkeiten, welche das wenig gegliederte, immer wieder ausufernde und von Lukács nicht ganz fertiggestellte 1500-Seiten-Werk bietet, ist es wohl diese denkbar größte Provokation der manipulierten Welt und ihrer Ideologen, welcher die Ontologie, von Lukács als seine „reifste Philosophie“ bezeichnet, bis heute ihre weitgehende Nichtbeachtung verdankt. Wo sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird, da meist mit dem von Lukács kritisierten Mangel an intellektueller Aufrichtigkeit, einer Mischung aus Verdächtigungen und interessierten Kurzschlüssen.

Diese zugegeben sehr allgemeinen Ausführungen über die Ontologie sollen anhand des bereits angedeuteten Begriffs der Manipulation konkretisiert werden. Zweifellos hat die Manipulation sich heute differenziert, weiterentwickelt und in jeden Winkel der Gesellschaft ausgebreitet. Ihre allgemeinen ontologischen Grundlagen, ihre Methoden und ihr ideologische Bedeutung sind unseres Erachtens weitgehend erhalten geblieben und dies macht aus unserer Sicht Lukács‘ Ontologie als Stützpunkt eines jeden Versuchs, sich der Manipulation zu erwehren – als Subjekt und Objekt – umso wertvoller.


Reflexion und Revolution – Hegels Dialektik heute: Ein Zugang zur neuen Praxis der Theorie

Lektürekurs zur Einführung in Hegel: „Die absolute Idee“.

Ort: Theater Ensemble, Frankfurterstraße 87, 97082 Würzburg

Datum: 16. / 17.11.2012 (Freitag + Samstag)

Referent: Christoph Zwi vom Autorenkollektiv BBZN

Anmeldung: aggkwue@web.de (die Plätze sind begrenzt!)

Programm:

Beginn: Freitag, 16.11.2012,  15:30 Uhr mit Einleitungsvortrag  „Ihre Zeit in Gedanken gefasst“: Eine Skizze zur Bedeutung Hegels in der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen und der communistischen Revolution.

Anschliessend Fragen & Diskussion zum Vortrag, Vorüberlegungen zu den Schwierigkeiten des Hegeltextes, erster Einstieg in die Lektüre (Reader erhältlich).

Samstag, 17.11.2012, Ganztagskurs (10 – 13 Uhr und 15 – 18 Uhr mit kleinen Raucherpausen) :
gemeinsame Lektüre & Erschliessung des Abschlusskapitels von Hegels „Wissenschaft der Logik“: „Die absolute Idee“.
(in der Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe der Hegel Werke Bd. 6, Seiten 548-573. Online verfügbare Version. Der Text ist zusammen mit anderen Materialien zu Hegel auch im Reader enthalten.)

„Diese neue Hegel-Aneignung ist ein Versuch. Der Zugang zu Hegels Methode über das zusammenfassende Schlusskapitel seiner „Logik“ gilt als eine Art Geheimtip: es hat sich bisher als Einführung in sein Gesamtsystem einigermaßen bewährt, verglichen mit den offiziellen „Einführungen.“ Doch ist es auch keine „leichte Kost“. Von daher gibt es keine Garantie dafür, an diesem einen Wochenende mit der gemeinsamen Lektüre durchzukommen. Worauf es bei diesem Experiment ankommt ist: einen kritisch-theoretischen Sinn dafür zu gewinnen, wie Hegels Dialektik arbeitet, welche Probleme ihre Arbeit des Begriffs an uns heute stellt, wie sein System „funktioniert“. Das kann höchstens anregen zur weiteren theoretischen Praxis: als Selbsttätigkeit im Handgemenge der Widersprüche. Als Erkenntnisprozess von Dialektik, die nicht mit Eristik („Kunst des Rechthabens“) zu verwechseln ist, sondern die auf dem Wahrheit-und-Interessen-ausfechtenden Dialog beruht – „bis hin zur Strategie, die das Feld ist, auf dem sich die dialektische Logik der Konflikte voll und ganz entfaltet“ (Guy Debord).“

Ankündigungstext:

„Hegels Kritik trainieren: Bewusst sein revolutionieren

Zum Kurs und Einleitungsvortrag zwecks neuer Aneignung der Hegelschen Dialektik-Methode: Vorbemerkungen:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, welches ihr Sein, sondern das gesellschaftliche Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.
„Leider“.

Wer sich ernstlich nicht abfinden will mit der Unterwerfung unter die existierenden gesellschaftlichen Zustände, die herrschenden Eigentumsverhältnisse, den materiell und kultur-industriell vorgegebenen Alltagsstumpfsinn usw., kurz: unter hektische Ausbeutungsordnung, Wahnsinn, Blödsinn und Sterbenslangweiligkeit der kapitalistischen Produktionsweise, kommt nicht um den Versuch herum, ihre Widersprüche zu begreifen. Diese Welt dialektisch zu interpretieren ist Voraussetzung dafür, sie zu verändern. Der Wider-Wille allein, der von den immer beschisseneren, krisenhaft-katastrophalen Seinsverhältnissen ausgeht, reicht nicht hin sie umzustürzen (er reicht allenfalls zu konformistischen Revolten), sondern erst das Bewusstsein vom Werden, vom prozessierenden Funktionszusammenhang des Ganzen und von der Möglichkeit seines ganz Anderen kann Praxisversuche und Strategie greifen lassen, so dass immer wieder menschliche Vernunft in der Geschichte durchgesetzt, Assoziation freier und selbstbestimmt produzierender Individuen (so die Marxsche Bestimmung von Communismus) als wirkliche Bewegung weitergetrieben wird, die den jetzigen Zustand aufhebt. Dazu ist allerdings diese kollektive kritische Arbeit notwendig — bei Strafe des Untergangs aller Utopie – für welche Hegels Wissenschaft der Logik uneingeholt bis heute steht: er nannte das die Arbeit des Begriffs.
Begriffe sind keine handlichen Definitionen, Dialektik keine Kaffemaschine, noch nichtmal die formale Logik als „angewandte Mathematik“. Und weder die binäre Denke einer „artificial intelligence“ der Computerwelten noch irgendeine konstruktivistische Chaostheorie reicht entfernt an das heran, was für Hegel und seine materialistische „Schule“ erst die konkrete Totalität ist und die mit dem Begreifen ihrer Widerspruchsbewegungen als Gang der Sache selbst einhergeht: diese Arbeit ist unabschliessbarer Prozess in Raum und Zeit, die objektive Dynamik selbst.
„Was hiermit als Methode hier zu betrachten ist, ist nur die Bewegung des Begriffs selbst, (…) mit der Bedeutung, daß der Begriff alles und seine Bewegung die allgemeine absolute Tätigkeit, die sich selbst bestimmende und selbst realisierende Bewegung ist. Die Methode ist deswegen als die ohne Einschränkung allgemeine, innerliche und äußerliche Weise und als die schlechthin unendliche Kraft anzuerkennen, welcher kein Objekt, insofern es sich als ein äußerliches, der Vernunft fernes und von ihr unabhängiges präsentiert, Widerstand leisten, gegen sie von einer besonderen Natur sein und von ihr nicht durchdrungen werden könnte. Sie ist darum die Seele und Substanz, und irgend etwas ist nur begriffen und in seiner Wahrheit gewußt, als es der Methode vollkommen unterworfen ist; sie ist die eigene Methode jeder Sache selbst, weil ihre Tätigkeit der Begriff ist.“
Und Marx brauchte ihre Auffassung bei Hegel als die Arbeit „des Geistes“ der Welt zunächst nur umzustülpen, indem er die revolutionäre communistische Theoriepraxis materialistisch als nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte zusammenfasste. Vermittels der Hegelschen Methode konnte er in der Kritik der politischen Ökonomie bereits radikal historisch beweisen, dass die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus ist.
Damit fingen die wirklichen Probleme mit der Dialektik aber erst an. Die unaufhaltsame Verwandlung der Mehrheit der Menschen in Lohnarbeiter_innen hat zugleich die negative Seite der Gesellschaft vermehrt: das Proletariat als die destruktive Partei (Marx): als Gegenpol zum Kapital akkumuliert sich in ihm zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation usw. – z.B. von „Antisemitismus“ und sonstiger modernisierter Barbarei, die sich immer gerne als „revolutionär“ aufspreizt. Weder als formale noch als dialektische Logik lässt sich diese reelle Geschichtsdynamik wie eine Gleichung auflösen in die Hegelsche Affirmation. Adorno versuchte nach allen Erfahrungen der Dialektik der Aufklärung, also der verhängnisvollen „Logik“ der Vernunft-in-der-Geschichte selbst, die Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes (damit meinte er die Dialektik Hegels) zu retten, was jedoch einzig noch als negative Dialektik möglich sei. Diese klagt gegen die idealistische Gefahr und historische Tendenz, durch das Hegelsche Begriffe-System selbst auch noch das Nichtidentische identisch machen zu wollen (etwa: durch „blutige Abstraktion“) das übergangene und mögliche im Seienden und Werdenden ein, nimmt höchst aktiv teil an der zu begreifenden Praxis der gesellschaftlichen Individuen gegen ihre entfremdende Unterwerfung unter die verkehrte Totalität:
„Die Hegelsche »Arbeit des Begriffs« umschreibt nicht lax die Tätigkeit des Gelehrten. Diese, als Philosophie, wird nicht umsonst von Hegel immer zugleich auch als passiv, »zusehend« vorgestellt. Was der Philosoph arbeitet, will eigentlich nichts anderes als dem zum Worte verhelfen, was an der Sache selbst tätig ist, was als gesellschaftliche Arbeit den Menschen gegenüber objektive Gestalt hat und doch die Arbeit von Menschen bleibt.“ (Adorno, „3 Studien zu Hegel“)
Die Arbeit des Begriffs besteht demzufolge in dem Begreifen der gesellschaftlichen Arbeit der Individuen, deren Entwicklung wesentlich die Geschichte ausmacht.
Dass Kapital und Lohnarbeit, Privatbürger und Staatsvolk als absolute Ganzheit erscheinen, bestätigt zunächst realistisch Hegels Grundkonzeption: Das Wahre ist das Ganze. Dass dieses Ganze jedoch von Krise zu Krise absolut widersprüchlich bis zu Explosionen in Katastrophen weiterprozessiert, bringt für die menschliche Entwicklung dagegen wesentlich zutage, dass das Ganze das Unwahre ist. Adornos negativer Schluss denkt nur folgerichtig die Konsequenz aus Hegels neuer Wahrnehmung der dialektischen Bewegung: „Das Absolute selbst aber ist (…) die Identität der Identität und der Nichtidentität; Entgegengesetztes und Einssein ist zugleich in ihm.“ Wie, um alles in der Welt, kann die verkehrte Identität von Lohnarbeit/Kapital durch die Arbeitsvermögen selbst, durch alles Nichtidentische, Entgegengesetzte gegen das Kapital etc. gesprengt werden ?
Hegels Zuversicht als deutscher Denker des jakobinistischen Vernunftstaats und des bürgerlich aufgeklärten Preussentums wollte schliesslich (nach der Niederlage des revolutionären „Weltgeist zu Pferde“, Napoleon) selber die radikal widersprüchliche Geschichte schlecht versöhnend stillstellen: „Das Vernünftige ist wirklich, und das Wirkliche ist vernünftig.“ Diesen Satz über gesellschaftliches Sein drehte Hegel dann allerdings listig wieder in ein Werden um: „Das Vernünftige soll sein!“ (So in später entdeckten Vorlesungs-Skripten. Oder laut Heinrich Heine: „Als ich einst unmutig war über das Wort: »Alles, was ist, ist vernünftig«, lächelte er sonderbar und bemerkte: »Es könnte auch heißen: Alles, was vernünftig ist, muß sein.«“)
Seit der Entstehung des Linkshegelianismus galt dieser Satz als Gewähr dafür: Hegels System ist „die Algebra der Revolution“ (Alexander Herzen).
Doch das Ausweichen ins Sollen, in moralisches Müssen und die Ethik hat noch nichts gelöst, auch nicht durch Beschwören einer historischen „Notwendigkeit“, auch nicht durch ein System begrifflicher „Logik“. Die bisherige Geschichte ist bekanntlich bzw. merklich tief in der Unvernunft, in der naturwüchsigen Vorgeschichte zur wahren, menschlichen Geschichte steckengeblieben, anders als Marx noch annehmen durfte. Die von ihm (1844) geahnte „gründliche Revolution der gründlichen Deutschen“ hat sich hundert Jahre nach ihm als „die deutsche Revolution“ des NS realisiert, der „Antisemitismus der Vernunft“ (Hitlers Imperativ) hat die einst aufgebrochene proletarische Revolution verkehrt, gebrochen, absorbiert, hat die Gattungs- und Revolutionsgeschichte mit Auschwitz und ähnlichem fürs erste kaputtgemacht. Und er boomt.
Deutschland ist nicht die Welt, zum Glück. Auch den weiterentwickelten Gestalten des Antisemitismus, vor allem heute dem djihaddistischen und „antizionistischen“ religiös-politischen Massenwahn, können harte Schranken gesetzt werden. In den Kämpfen gegen alle die Ausbeuterordnungen und die Formen der alten Gesellschaft weltweit, die den sozial-ökonomischen Boden für und gegen die verkehrte Revolution des „Antisemitismus“ aufwühlen, bilden sich neue Elemente heraus; sie sind heute nicht mehr so naiv, sie begreifen inzwischen besser diese Dialektik der Aufklärung, diesen Widerspruch der Vernünftigkeit in der Geschichte, und sie können sich vielleicht aus einer Masse veblödeter Prolet_innen und fachidiotischer Lohnsklav_innen heraus selbst organisieren — zu der „Klasse des Bewusstseins“, von der „Hegel-Marxist_innen“ wie György Lukács und Rózsa Luksenburg, Raya Dunayevskaya und die Situationisten sprachen: der entscheidende Teil der wirklichen Bewegung, der in „langen Wellen“ zu bewirken versuchen kann, dass diese dialektische, historische, materialistische Theoriebildung doch irgendwann, irgendwie hinreichend die Massen ergreift (Marx). Dass die communistische Praxis der Theorie zu einer Theorie der Praxis wird. Der endliche Umsturz der antisemitischen Gesellschaft (Adorno & Horkheimer), dieser Alltagsreligion mitsamt ihrer Grundlage, der kapitalistischen Produktionsweise, kann nur durch die praktische Gewalt der weltgesellschaftlichen Gesamtabeiter_in herbeigeführt werden als Umwälzung zur menschlich-vernünftigen, allein entlang den Bedürfnissen der Individuen planmäßig organisierten Produktion und Verteilung: „Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen.“ („Dialektik der Aufklärung“, Schluss-Satz des Kapitels „Elemente des Antisemitismus“).
Die Selbstbemächtigung zu dieser Gewalt der menschlichen Vernunft beginnt immer wieder als Selbstaufklärung über das, was Dialektik ist. Handelt es sich denn dabei um ein bloßes Denksystem, eine Sache des Bewusstseins allein, „eine Leidenschaft des Kopfes“ also? Wer das herausbekommen will, kommt nicht an Hegels problematischer Darstellungsform vorbei, an dieser quasi Vernunftreligion. Wie kann die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik (Marx), ihr logizistisches System „der absoluten Idee“, materialistisch abgestreift oder „umoperiert“ werden (Lukács), so dass diese Methode historischer Analyse in ihrer rationellen Gestalt freigelegt wird ? Freisetzen muss sie, wer „die Gewalt der Vernunft“ gegen die Gegen-Aufklärung, gegen die globale Konter-Revolution (siehe oben) mobilisieren will. Denn, so Marx, in ihrem revolutionären „Kern“, herausgesprengt aus ihrer mystischen Hegelschen „Hülle“, ist sie allen „doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Gräuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschliesst, jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite, auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ (Marx im Vorwort zu „Das Kapital“.) Jede neue Anstrengung zu communistischer Aneignung der geschichtlichen Kritik macht „die ununterbrochene kritische Auseinandersetzung mit Hegel zur Lebensfrage“ (Lukács, O.2:514). „


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In antisemitischer Gesellschaft

Vortrag und Diskussion mit Leo Elser (Redaktion Pólemos)

Datum: Donnerstag 16.08.2012

Beginn: 20 Uhr

Ort: Kellerperle, Am Studentenhaus 1, 97072 Würzburg

Eintritt frei!

„Aber es gibt keine Antisemiten mehr“ – heißt es in der Dialektik der Aufklärung, denn sich Antisemit zu nennen, hat in der Politik zweifelsohne einen werbestrategischen Nachteil. Doch nur weil Raider heute auch Twix heißt, hat sich an der inneren Logik des antisemitischen Ressentiments deswegen noch nichts geändert. Was der positivistische Verstand nicht begreifen will, dass auf den veränderten Namen nicht notwendig der veränderte Gegenstand folgt; entgeht der Antisemitisforschung so wie den heutigen Antisemiten, die größtenteils davon überzeugt sind, keine zu sein.

Der Antisemitismus allerdings ist nicht ein beliebiges Vorurteil, sondern er hängt innigst am Kern der falschen Gesellschaft. Eine Einsicht in diesen Zusammenhang setzt einen Begriff von antisemitischer Gesellschaft voraus, der etwas anderes ist, als die bloß empirische Messung des Antisemitismus in einer Gesellschaft. Der Vortrag will zeigen, warum eine Kritik des Antisemitismus ohne eine Kritik der Gesellschaft et vice versa nicht zu haben ist.

Es spricht, Leo Elser (Redaktion Pólemos)


Zur Rekonstruktion des Denkens

Vortrag und Diskussion mit Rainer Bakonyi (Würzburg)

Datum: 29.06.2012

Beginn: 20 Uhr

Ort: Kellerperle, Am Studentenhaus 1, 97072 Würzburg

Eintritt frei!
Kritik als die theoretische Vorwegnahme der Beseitigung von Herrschaft bedarf als ihrer Voraussetzung der Fähigkeit zur Erkenntnis und des Willens zum Urteil – beides Eigenschaften des Individuums, die schon lange außer Wert gesetzt sind und seit dem Siegeszug der Postmoderne als geradezu verächtlich abgetan werden. Es drängt sich die Frage auf nach der Natur der konstitutiven gesellschaftlichen Bedingungen, welche die elementaren Voraussetzungen ihrer Beseitigung objektiv verschwinden lassen, wie auch nach der Verfasstheit der Subjekte, die freudig wollend etwas derart exotisches wie Objektivität fortstoßen und die Notwendigkeit Urteile zu fällen als zu überwindende Zumutung entrüstet von sich weisen. Kurzum soll der Möglichkeit von Kritik im Stande der allgemeinen Unfreiheit nachgegangen werden.


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